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Notizen
zur Enstehung von "Gottes geliebte Narren"
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Nicht
wenige Menschen haben sich gewundert und irritiert gezeigt, dass
„Gottes geliebte Narren“ so aussieht, wie es das tut. Ich habe dazu
einige Gedanken aufgeschrieben.
Das
Projekt hat insgesamt drei fast vollständige Konzeptphasen durchlaufen.
Die ersten beiden Textfassungen waren jeweils zu etwa drei Vierteln
fertig. Doch dann wurde ich unzufrieden. Ich musste sie verwerfen.
In jeder Fassung spielte der Tod eine prominente Rolle.
Fassung
1 ließ einen Ich-Erzähler auftreten, Typ Sinnfragen stellender Enddreißiger
zwischen kirchlicher Sozialisation, nachpostmodernem Nihilismus
und zeitgenössischer Spiritualität. Der Tod des Vaters regt beim
Protagonisten die Beschäftigung mit seiner angestaubten Religiösität
an. Er begibt sich auf eine Reise, die ihn zu Philosophen, Mönchen,
Pfarrern, tibetischen Meistern und Schamanen führt – die jeweils
eine bestimmte Form des Glaubens repräsentieren – und am Ende findet
der Protagonist eine zeitgemäße Antwort, etwa des Inhalts, dass
Sünde und Schuld nicht existieren, dass der Tod keinen Schrecken
besitzt, weil es ihn gar nicht gibt, sondern weil das Leben, in
veränderten Formen, immer weitergeht.
Obwohl
das tatsächlich meine Meinung ist, gefiel es mir nicht. Zu programmatisch,
zu strukturiert, vorhersehbar, langweilig, flach, theoretisch. Nicht
dass die gefundene Antwort falsch gewesen wäre, schlimmer: sie war
lebensfremd. Oder noch schlimmer: neunmalklug.
In
einer Gegenbewegung entstand deshalb Fassung 2: eine überdrehte,
krude Nummernrevue mit Monty-Python-Reminiszenzen, ohne viel Sinn
und Ziel außer dem einen, so ziemlich alles, was mit Religion zu
tun hat, zu demontieren. Ich gestehe, es hat wahnsinnig viel Spaß
gemacht, meinen lang aufgestauten Missmut, meinen Ärger, meine Verletzungen
ins zynische Kraut schießen zu lassen. Kann ich jedem sehr empfehlen!
Der
Effekt hat dann nachgelassen. Mir wurde klar, dass ich das Programm
so nicht aussehen lassen wollte. Es wäre überaus unterhaltsam und
witzig gewesen, dessen bin ich sicher, aber halt destruktiv – schöner
formuliert: dekonstruktiv – freundlich: analytisch. Dinge, Situationen,
Zustände auseinander zu nehmen, den darin verborgenen Irrtum oder
die Lüge der Amtsträger zu entlarven, macht Spaß, aber es ist trivial.
Es führt nicht weiter. Man fühlt sich dabei groß, klug, moralisch
höher stehend, das Opfer der anderen, das sich revanchiert. Aber
nichts davon ist wahr. Ich weiß, alle verfahren so, jedes sog. Kabarett
funktioniert nach diesem simplen Schema. Und alle Menschen sind
begeistert, weil alle Menschen so funktionieren, ich auch.
Da
war mir plötzlich klar, dass etwas vollkommen anderes her musste.
Nichts Dekonstruktives, sondern etwas Produktives. Etwas, dass nicht
entlarvt, das weder ab- noch aufwertet, sondern das einfach Personen
zeigt, die sich in einer bestimmten, zugespitzten Situation auf
eine bestimmte Weise verhalten. Etwas im eigentlichen Sinne Kreatives.
Das war eine große Herausforderung. Ich lernte, um wie viel leichter
es ist, einen bewertenden Standpunkt einzunehmen, als die Menschen
ernstzunehmen und ihnen Vertrauen entgegenzubringen.
Das
Vertrauen, das ich den Figuren aus „Gottes geliebte Narren“ entgegengebracht
habe, ist belohnt worden. Sie haben mir Dinge von sich gezeigt,
die ich zuvor nicht wusste. Etwa dass man als Pfarrer glauben und
zweifeln zugleich kann, ohne eine lachhafte Figur zu sein. Dass
demente Menschen gleichwohl autonom sind. Dass es sehr wohl möglich
ist, sich religiös motiviert umzubringen. Es gehört mit zum Faszinierendsten
im kreativen Prozess, wenn Geschichten und Figuren ein Eigenleben
entwickeln, Profil bekommen, ohne Zutun des Autors, und der Autor
sich im Gegenteil freimachen muss von allerlei versteckten Absichten.
Tatsächlich habe ich sehr darauf geachtet, keine Aussage zu treffen,
keine Interpretation nahezulegen, keine Botschaft zu verkünden –
nicht solchen Absichten zu folgen, sondern den Figuren.
Deshalb
sieht das Programm so aus. Die Figuren leben ihren eigenen Glauben,
ihr eigenes Zweifeln und ihre eigenen Lösungen. Natürlich haben
all diese Dinge mit mir zu tun, aber sie sind nicht mit meinen Lösungen
identisch. Sogar viel weniger, als es auf den ersten Blick scheinen
mag. Was die Figuren glauben, ist nicht dasselbe wie das, was ich
glaube. Mehr noch: Es muss mir nicht einmal gefallen.
Was
ich in Bezug auf alle Figuren glaube, ist dies: Dass jeder Mensch
seine eigene Lösung finden muss, und zwar am eigenen Leib – in Auseinandersetzung
mit Kirchen, religiösen Texten, spirituellen Schulen, esoterischen
Methoden. Nichts Äußerliches kann das Finden der eigenen Lösung
ersetzen. Keine Predigt, kein Meditationskurs, kein erbauliches
Buch, nichts davon. Es kann helfen beim Finden, das schon – aber
weder ist es selbst das Finden noch ist das Entscheidende darin
zu finden. Das ist meine Überzeugung, weil es meine Erfahrung ist.
Im Angesicht des Todes spätestens wird jeder von uns das realisieren,
da werden keine Worte mehr helfen, keine Dogmen, keine Wahrheiten
anderer Menschen, keine Glaubenssysteme.
Damit
bestreite ich keineswegs die Wahrheit etwa der Bibel oder buddhistischer
Sutren oder schamanischer Andersweltreisen oder meditativer Erleuchtungserfahrungen.
Damit wir uns verstehen: All das ist vollkommen wahr! Aber das ist
gar nicht der Punkt. Der Punkt ist: Es ist nicht relevant. Nichts
davon ist relevant, solange ich es nicht selber erfahren habe, solange
ich nicht selber in Kontakt gekommen bin mit meinem Höheren Selbst
oder Gott oder Buddha oder Atman oder dem Ersten Beweger oder Tao
– es gibt unzählige Namen dafür, und alle sind sie irrelevant. Das
Tao, das du nennen kannst, ist nicht das Tao. Ich weiß, das lässt
alles sehr rätselhaft und verzwickt und zweifelhaft erscheinen.
Trotzdem gibt es jene zweifelsfreie, selbstevidente Gewissheit,
wenn die eigentliche Wirklichkeit erkannt wird, das eigene, nackte
Sein. In diesem Moment gibt es keinerlei Suchbewegung, der einzelne
Augenblick enthält die Gesamtheit des Lebens – jeden Lebens, des
eigenen und des kosmischen.
Das
ist die Pforte, die keine ist. Es wird keine neue Fähigkeit erworben,
die eigene Person ist nicht plötzlich wie verwandelt, klüger, moralischer,
schöner – nichts davon ändert sich beim Durchqueren der Pforte,
die keine ist. Es ändert sich der Standpunkt, als blicke man plötzlich
aus einer größeren Höhe, die man aber gar nicht erklommen hat. Eher
ist es so, als bemerke man plötzlich, weil der Nebel sich im Sonnenschein
lichtet, auf welch hohem Aussichtspunkt man schon immer gestanden
hat.
Dieses
Wissen ist nicht theoretisch, sondern körperlich, wie das Blicken
ins Tal vom hohen Berg. Deshalb ist dieses Wissen nicht zu vermitteln.
Es muss mit Hilfe des eigenen Körpers erworben werden. Deswegen
hat dieses Wissen die Kraft, dich zu verändern. Dein Blick auf allerlei
religiöse Traditionen und Formen ändert sich und jetzt erst beginnt
die Entdeckungsreise. Dinge werden wieder entdeckt, neu entdeckt,
und vieles wirkt seltsam folgerichtig.
Vor
allem eines wird klar: Nichts äußerlich Religiöses, Gebete, Kulte,
Bibeltexte, Glaubenssätze – nichts davon ist mehr als ein bloßes
Hilfsmittel. Du kannst es benutzen oder lassen. Du kannst alles
benutzen oder nichts. Du kannst dich entscheiden, dies zu nutzen
und jenes zu lassen – etwa christliche Begriffe zu verwerfen und
stattdessen im Wachtraum tibetisch zu meditieren – das alles kannst
du tun oder lassen, dir sind keine Grenzen gesetzt. Doch niemals
mehr wirst du auf den Irrtum verfallen, irgendetwas von dem, was
du religiös oder auch areligiös tust oder lässt, würde den Kern
deines Wesens berühren. Der Kern deines Wesens ist das Göttliche
– welchen Namen auch immer du ihm gibst, was auch immer du darüber
erzählst, welche Gebete auch immer du sprichst oder unterlässt,
du kannst es nicht ändern, du kannst nicht herausfallen, du kannst
es dir nicht verscherzen, du kannst es nicht einbüßen. Denn du hast
es nicht – du bist es.
Trotzdem
gibt es etwas, das du kannst: lernen, dich durch die Erfahrung verwandeln
zu lassen – und dann tritt dein höheres Selbst von selbst klarer
zu Tage. Nur zu diesem Zweck gibt es religiöse Formen, um auf diesem
Weg zu helfen. Nützlich ist, was weiterbringt, schädlich, was hemmt.
Es gilt, wie beim Arzt: Was heilt, hat Recht.
MG
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